Hertener Initiative zur Förderung von Kunst im öffentlichen Raum

„Kunst nicht nur im kleinen Kreis.“ Ein Interview mit Sonja Alhäuser.

Sonja Alhäuser (Foto Dr. Rainer Lange)

Sonja Alhäuser erklärt im Interview mit der Journalistin Ina Fischer, warum ihr Buffet am Wasserschloss Herten ein
Fest für alle wird.

Bärentatzen in Gelee, in Suppen eingekochte Kamele – als Daniel Spoerri 1968
ein Restaurant in Düsseldorf eröffnete, in dem er die exotischsten Konserven
anbot und gleichzeitig die damalige Kunstszene um sich versammelte, war ein
neuer Kunststil geboren: Eat Art, Essen mit Kunst gepaart. Ein bisschen
wandelt die Berliner Installationskünstlerin und Bildhauerin Sonja Alhäuser
auf Spoerris Spuren. Doch spätestens wenn sie am 3. September ihr „Eat Art
Connections – Buffet am Wasserschloss“ in der Orangerie des Hertener
Schlossparks auftischen wird, ist klar, warum sie sich der Eat Art selbst
gar nicht so zugehörig fühlt und weshalb ihre Kunst so viel mehr ist: ein
Fest „von, mit und für Herten“, wie sie im Interview verrät.

Sonja, Sie leben in Berlin, arbeiten international. Was hat Sie dazu
bewogen, jetzt in Herten – im Vergleich zu Berlin doch eher ein Off in der
Kunstszene – zu arbeiten?

Angefragt hat mich die Kuratorin des Projektes, Katrin Wegemann, die in 2018
selbst ein Bankett von mir im „Haus am Waldsee“ als Gast genossen hat. Bis
dahin hatte ich nie von Herten oder der Initiative STADT.KUNST gehört. Als
ich aber Fotos vom Ort, dem Schlosspark mit seiner wandelvollen Geschichte
und von Skulpturen im Dornröschenschlaf, die vielen Hertenern anscheinend
unbekannt sind, gesehen und nachgeschlagen habe, fand ich das aus
bildhauerischer Sicht spannend – als Erweiterung eines Buffets im Park. Mich
hat der performative Gedanke gereizt, nicht nur Essen aufzutischen, sondern
die Speisen mit dem Ort des Geschehens in Verbindung zu bringen. Die
Orangerie, die einst besagte Skulpturen zierten, hatte zudem ein neues Dach
bekommen und auf einmal gab es diese Möglichkeit, dass sich, gerade jetzt
nach Corona, der Park für alle öffnet. Das ist wie eine Einweihung, ein
Vorher – Nachher: Die Orangerie als Modell für höfische Feste ausschließlich
der besseren Gesellschaft mit teuren Partys wandelt sich jetzt ins
Gegenteil, wird für alle zugänglich. Dass Kunst nicht mehr im kleinen Kreis
stattfindet, ist mir ein wichtiger Gedanke.

Die Fragmente der Skulpturen auf dem Buffet werden mit Marzipan, Schokolade,
Zuckerguss vervollständigt, mit essbaren Blütenranken verziert. Es wird
einen „Forellenteich“, es wird Ente geben Eine Fruchtbarkeitsgöttin aus
Kräuterbutter ist schon geformt, sprich: es wird üppig. In der
Öffentlichkeit ist dagegen der Tenor zu hören: Mit Essen spielt man nicht,
das sei Verschwendung. Warum machen Sie dennoch Kunst mit Essbarem?

Wir wollen in erster Linie nicht wegschmeißen, sondern verwenden, wir wollen
anbieten und feiern. Und reflektieren: Wie will ich über die Fülle von einst
sprechen, wenn ich sie nicht darstellen darf? Wie kann ich die Gedanken von
„Damals“ in Ansätzen zeigen, ohne aufzufahren? Es handelt sich dabei auch
nicht nur um einen Aufbau, sondern Herten wird eingeladen, alles wieder
abzubauen, Teil der Performance zu werden. Etwas davon in sich mit nach
Hause zu tragen. Außerdem: Wenn Künstler Unmengen von Epoxidharz verwenden,
sagt niemand etwas. Niemand wirft einem Künstler vor, mit giftigen Lacken zu
arbeiten. Ich sehe meine Kunst als gesunden Prozess, der viel weniger
umweltbedenklich ist, der sich wieder in die Natur einfügt, selbst wenn mal
ein Kuchen nicht gegessen wird. Nennen Sie es positive Verschwendung. Dabei
versuche ich, das Material so lange wie möglich zu verwenden. Ich denke, ich
bin da sehr achtsam. Aber ich bin auch Kind meiner Zeit. Wir leben in einer
Zeit der Verschwendung, und ich muss das in meiner Arbeit exemplarisch
aufzeigen dürfen. Genau diese Themen wie Verschwendung, Wertschätzung müssen
wir Künstler ansprechen. Gerne darf im September auch darüber debattiert
werden.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, ganze Bankette aufzubauen und
sie künstlerisch zu gestalten?

Die Idee geht auf ein Stipendium zurück, bei der ich eine Serie von
„Banketten ohne Anlass“ gestaltet habe. Ich habe mich dabei in
verschiedenen Varianten ausprobiert – von der barocken über die moderne
Form, von überdacht bis zum Buffet im Freien. Ich habe damit gespielt, ohne
einen Anlass zu haben. Auch jetzt, in Herten, gibt es kein Jubiläum zu
feiern, keinen Geburtstag, kein rundes Datum. Wir feiern, weil wir es
wollen. Skulptural gewordenes Essen – darum geht’s. Ideengeber ist der Ort
selbst, das ist der Anlass. Wie man mit Schlosspark und Orangerie spielt,
das hat einen spannenden, kommunikativen Aspekt.

Können Sie das – auch mit Blick auf die Unterschiede zu früheren Festen –
erläutern?

Früher wurden Bankette ausgerichtet, um etwa den geladenen Gästen Respekt
und Achtung zu zollen, indem man alles aufgefahren hat, was möglich war.
Bankettmeister erzählten durch skulpturale Torten und Pasteten Geschichten,
die man mit allen Sinnen genießen und erfahren konnte. Heute dienen Bankette
leider zu oft lediglich der Sättigung und weniger der Narration. In Herten
dagegen soll es explizit um die Schätze des Ortes mitsamt seiner Geschichte
gehen, Tiere und Pflanzen des Parks sind mit einbezogen.

Sie haben mit Ihren Buffet-Installationen längere Zeit pausiert. Was hat Sie
dazu bewogen, diese Kunstform jetzt in Herten mit den Eat Art Connections
wieder aufzunehmen?

Die Pause war der Pandemie geschuldet. Das, was wir jetzt machen, ist quasi
die Verabschiedung von den Corona-Vorschriften. Ist das zeitgemäß? Ja, das
ist es. Eine gemeinsame Feier, bei der man genießt, Essen und vor allem
Freude teilt.

Was erwarten Sie außerdem am 3. September in Herten?

Tolle Zuschauer, nette Kommunikation und gutes Wetter.

 

(Ina Fischer)

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